Was Stress im Zusammenhang mit Mensch, Natur, Politik und Gesellschaft bedeutet.
Wir scheinen eine Antwort auf alle Belastungen und Schwierigkeiten im Leben zu haben. Jeder Schuh, der drückt findet eine Aufklärung namens Stress. Im medizinischen und therapeutischen Kontext scheint Stress mittlerweile Teil der Diagnose zu sein und je nach Methode sogar die Diagnose selbst. Thomas Szasz – der berühmte amerikanische Professor der Psychiatrie – meinte einst über das Phänomen „Schizophrenie“, es sei der Anfang einer wirtschaftlichen und politischen Ausrichtung gewesen, die sich reichlich über Jahrzehnte ausgezahlt hat, zwar auf den Kosten der menschlichen Entwicklung; dennoch ermöglichte die „Erfindung“ dieses Phänomens all das im Menschen auszusortieren was der politischen Richtlinie nicht diente.

Einige Menschen begleitet das Gefühl, nicht in gewisse gesellschaftliche und wirtschaftliche Gefüge zu passen. Sie kämpfen in der Arbeitswelt, mit dem Konsum, im Gesundheitssystem, im Ernährungsbereich und in Ihrem Sozialleben, um ihren Platz zu finden und die Dinge nach ihrem Instinkt zu tun anstatt nach den vorgegebenen politischen Richtlinien. Sie laufen damit immer wieder gegen große Hindernisse, sie scheinen nie wirklich anzukommen im Leben und müssen in ihrem Weg oft neu anfangen, da sie ganz anderen Regeln scheinen zu folgen und sie oft auf das Unerwartete treffen.
Diese Art von Menschen zeigen uns wie wenig Platz in unseren gesellschaftlichen Strukturen für den vielseitigen Ausdruck des Menschen überhaupt ist. Doch was ist mit denen, die in unsere Gefüge passen? Haben sie es leicht? Nein, denn sie opfern sehr viel von sich selbst um ein geregeltes Leben zu führen. Treten Schwierigkeiten ein sind sie sehr schnell überfordert. Ein Jobverlust wird zu einem existenziellen Weltuntergang, das Ende einer Beziehung bedeutet für sie ein Riss in einem gesellschaftlichen geplanten Leben. Jeder Neuanfang, bzw. sich selbst in Frage stellen, ist kein Entwicklungsmoment, sondern eine Verurteilung ihrer gesellschaftlich anerkannten Existenz.
Dank der wissenschaftlichen und politischen Arbeit von Thomas Szasz wissen wir, dass es diese zwei Arten von Menschen schon immer gab. Früher fand man sie in psychiatrischen Einrichtungen heute sind sie „gestresst“ unter uns. Thomas Szasz führt uns mit seinen Zahlreichen kritischen Erfassungen durch die Jahre 1920-2012. Er stellt die anerkannte institutionelle Psychiatrie und die sogenannte Antipsychiatrie gegenüber.
Die Menschen die sich strickt nicht anpassen wollten landeten in den staatlich vorgesehenen Anstalten, es waren die „verrückten“ die aus der Reihe tanzten, während die Menschen, die mit den Hürden des Lebens schlicht und einfach nicht zurechtkamen, die bei jeder Kleinigkeit die Schuld in ihrem Umfeld, im System, im Staat suchten, landeten in den Alternativen Anstalten. Sie waren nicht mehr die verrückten, sondern Opfer einer Welt, die sie nicht angemessen unterstützte.
Heute sind diese zwei Arten von Menschen nicht mehr getrennt. Es ist der Stress, der sie verbindet. Die Gründe des gestresst Seins sind unterschiedlich: bei dem einen ist es der vorgegebene Lebensstil von unserer Wirtschaftspolitik, der einem nicht lehrt Dinge auch mal auszuhalten, bzw. Courage für das eigene Leben zu zeigen, bei den anderen ist es der ständige Kampf die vorgegebenen Wege zu umgehen oder anders zu gestalten.
Dennoch lautet der Vorsatz unserer modernen Welt: „Jeder kann sein Leben so gestalten wie er mag“. Doch Nichts ist eine größere Lüge.
Wir können unser Leben eben nicht frei und unabhängig voneinander und von unserem Umfeld gestalten. Doch die Frage ist, müssen wir das überhaupt?
Entsteht der Gedanke: „Jedem des seinen lassen“ wirklich aus einem Drang nach Freiheit, Vielfältigkeit und gegenseitigen Respekt oder ist es nur der logische Schluss, nachdem wir untereinander nicht miteinander können? Der eine zu angepasst, der andere ein zu wilder Freigeist.

Was wir in diesem chaotischen Stress übersehen, ist das wir ein Teil der Natur sind, in der es diesen Stress nicht gibt. Sie lebt uns täglich vor wie es gleichzeitig Platz für die Vielfältigkeit gibt und dennoch strikte Regeln denen alle Wesen folgen. Wie sich dadurch unsere Lebensbereiche gestalten könnten, ist natürlich eine detaillierte Arbeit für sich und kann hier nicht angestoßen werden. Doch die Philosophie, die moralische Ausrichtung ist der Anfang jedes funktionierendes oder nicht funktionierenden Systems. Gegen unsere Angst bringt die Natur Regeln, die uns die Sicherheit geben würden, um überleben zu können.
Doch wir sind, trotz der zahlreichen Kriege und Schaden in unserer Weltgeschichte, immer noch das einzige Wesen, das ihren Alleingang macht. Jedes andere Wesen kommt damit zurecht sich in einer universellen Hierarchie unterordnen zu müssen, doch wir kreieren unsere eigene Hierarchie – eine Politik losgelöst von der Natur – und haben dabei noch diesen frechen Gedanken, dass sich automatisch die Natur und die anderen Wesen uns unterordnen werden. Dass das nicht der Fall ist, ist so offensichtlich, dass wir es nicht sehen.
Die Städte werden überflutet, viele Täler bleiben trocken und sogar unsere Mitlebewesen – die Bäume werden weg gepustet, denn, ja, den Schaden, den wir generieren durch unsere maßlose Überschätzung unserer Selbst, betrifft nicht nur uns, sondern automatisch alle Wesen. Wir erschaffen Leid für die gesamte Existenz der Erde und wenn es darum geht die Probleme zu lösen, geht es uns wieder nur um uns, um unsere Mitmenschen, die in den Natur Desastern sterben, um unsere Städte, um unsere Landwirtschaft, um unsere Kosten.
Neue Methoden zu entwickeln, um die Kräfte der Natur zu nutzen, um gesellschaftliche Güter zu generieren wie Strom, Wassernutzung, Wärme, landwirtschaftlichen Anbau, die wiederum zu Gemeinschaftsstrukturen führen, ohne dabei nur an unseren Mehrwert zu denken und ohne dabei Ausschüsse zu generieren die nur in einer fernen Zukunft abgebaut werden können, ist mit Sicherheit eine zielführende Ausrichtung, in die sich die Menschheit gerade bewegt. Es sollte aber nicht wie ein neuer „grüner“ Trend gelebt werden, als wäre die Nachhaltigkeit eine neue Mode, sondern als eine Chance uns als Menschen wieder in den universellen Kontext zu integrieren.
Wir sollten der Natur nicht nur mit einem neuen innovativen Vorschlag gegenübertreten, sondern mit einer Haltung, die ein Friedensangebot ausstrahlt.
Wir sollten der Natur nicht nur unsere neuen intellektuellen und fachlichen Fähigkeiten präsentieren, sondern wissend, dass wir nach vielen Fehlern ein Neuland betreten mit Regeln, die wir nicht wirklich kennen.
Wir sind Teil von etwas Großem, aber unsere Zugehörigkeit ist lange nicht mehr selbstverständlich. Diese Bindung wieder aufzubauen ist das, was uns die nächsten Jahre erwartet. Wenn unsere Teilhabe als Wesen der Natur selbstverständlich sein soll, dann sollte Nachhaltigkeit keine Alternative im Ökonomischen System sein, sondern die Grundlage selbst.
Den Stress, den wir erleben, egal zu welcher Kategorie Menschen wir am Schluss gehören, ob zu den angepassten oder zu denen die aus der Reihe tanzen, ist letztendlich der Drang uns zu reintegrieren, den Regeln der Natur zu folgen und politische und gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die uns nicht zu Außenseitern machen, sondern zu den intelligenten Wesen der Natur, die wir sein sollten.
Sophia Molitor




2 risposte
Liebe Sophia
Ein weiterer Deiner wunderbaren Texte; vielschichtig und tiefgründig, fast schon existenzialistischer Manifest.
Du verbindest darin die Psychiatriekritik von Thomas Szasz mit einer Art modernen Öko-Philosophie. Der Kern deiner Argumentation „Stress“ ist kein medizinisches Problem, sondern das Symptom einer Entfremdung – sowohl von unserer eigenen Natur als auch von der Natur als System. Dein Text ist ein Plädoyer für eine neue Demut. Unser „Friedensschluss“ mit der Natur ist gleichzeitig die Heilung des menschlichen Stresses und der überfälligen Wertschätzung und Würdigung der Natur.
Vielen Dank dass Du uns alle daran erinnerst!
Carissima Sophia, un altro dei tuoi meravigliosi testi; stratificato e profondo, quasi un manifesto esistenzialista.
In esso colleghi la critica alla psichiatria di Thomas Szasz con una sorta di moderna eco-filosofia. Il cuore della tua argomentazione è che lo ‘stress’ non è un problema medico, bensì il sintomo di un’alienazione – sia dalla nostra stessa natura che dalla natura come sistema. Il tuo testo è un appello a una nuova umiltà. Il nostro ‘armistizio’ con la natura rappresenta, allo stesso tempo, la guarigione dallo stress umano e il doveroso riconoscimento e apprezzamento della natura stessa.
Grazie di cuore per avercelo ricordato a tutti noi!